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3. September 2020

Die wohl wichtigste Frage – Ist jetzt der richtige Zeitpunkt zum Einstieg?

Viele Anleger die wir in unserer alltäglichen Praxis kennenlernen sind in der glücklichen Situation und verfügen gerade jetzt über einen größeren Geldbetrag. Ausgerechnet jetzt! Jetzt, wo die Welt mit einem Virus verseucht ist, die Weltwirtschaft schrumpft, aber die Aktienmärkte unerwartet wieder zu Höchstkursen steigen.

Die aktuelle Situation an den globalen Aktienmärkten verunsichern diese Anleger und die Frage nach dem richtigen Einstiegszeitpunkt beschäftigt sie am allermeisten.

„Jetzt ist es wieder viel zu teuer, um einzusteigen. Zu dumm, dass ich das Geld nicht ein Monate früher zur Verfügung hatte, denn dann wäre der Zeitpunkt viel besser gewesen. Jetzt zu investieren wäre absolut fahrlässig. Ich warte bis Corona vorbei ist.“

Mit solchen oder so ähnliche Gedankengängen konfrontieren uns Anleger, die einen größeren Geldbetrag in den Kapitalmarkt investieren möchten. Gut, dass es auch  diejenigen gibt, die für das Alter vorsorgen und regelmäßig über viele Jahre einen Sparplan bedienen. Sie müssen sich mit solcherlei Problemen keine Gedanken machen, denn der „Cost Average“ Effekt hilft und ist eine gute Lösung für das Problem.

Doch was machen die, die das große Luxusproblem haben und einen Batzen Geld anlegen möchten? Das Geld auf ein Festgeldkonto zu legen und abzuwarten, macht bei den Zinsen wenig Sinn – oder? In Schiffscontainer oder windige Kapitalanlagen des grauen Kapitalmarkts zu investieren endet oft mit dramatischen Folgen. Immobilien sind nach wie vor sehr teuer und nach Kosten auch eher unrentabel. Dann vielleicht doch besser am Kapitalmarkt investieren und zum richtigen Zeitpunkt wieder einsteigen – bevor der Wirtschaftsaufschwung wieder beginnt?

Eigentlich kann es ja gar nicht so schwer sein, den richtigen Einstiegszeitpunkt zu finden, um dann später bei hohen Kursen wieder auszusteigen. Hört sich doch strategisch sehr clever an, oder? Schließlich erspart man sich herbe Kursverluste und hat am Ende mehr Vermögen!

Warum Market Timing nicht funktioniert

Doch funktioniert das wirklich? Die Realität sieht nämlich ganz anders aus. Market Timing (der richtige Einstieg in den Markt) funktioniert nicht, auch wenn Fondsmanager und Vermögensverwalter suggerieren, sie wären dazu in der Lage. Privatanleger ihr eigenen Bauchgefühl walten lassen. Schlimmer noch:  Market Timing kostet nicht nur das Geld der Anleger, sondern belastet diese zudem auch noch emotional.

Wissenschaftler beweisen stets aufs Neue, dass  Market Timing (die sogenannte Effizienzmarkthypothese) nicht funktioniert  und weisen damit auf die Ergebnisse aktiver Fonds- und Vermögensverwalter hin. Denn diese lassen sich genau diese Eigenschaft als ihr Mehrwertversprechen teuer bezahlen. Ihre Wertentwicklung ist regelmäßig schlechter als die eines einfachen Vergleichsmaßstabs.

Die Wahrheit findet sich im halbjährlichen Aktiv-Passiv-Barometer von Morningstar, das uns immer wieder darin bestätigt, aktiv gemanagte Fonds strikt zu meiden. Das Barometer misst die Performance von in Europa domizilierten aktiven Fonds im Vergleich zu passiven Peers in den jeweiligen Morningstar-Kategorien. Dabei betrachtet es den 10-Jahres-Zeitraum bis Juni 2020. Das jüngste Barometer umfasst nahezu 22.600 aktive und passive Fonds. Diese verwalten Vermögenswerte von rund 3,7 Billionen Euro, was rund einem Drittel des gesamten europäischen Fondsmarktes entspricht.

Herausgekommen sind Ergebnisse, die ernüchtern und die subjektive Einschätzung vieler Anleger stützen, die aktive Fonds passiven Zertifikaten gegenüberstellen und seit Jahren den Eindruck haben, dass Indexzertifikate das bessere Instrument sind. Zumal dann, wenn man sie via Sparplan einsetzt. Denn die langfristigen Erfolgsquoten der europäischen aktiven Fonds sind niedrig. In den zehn Jahren bis Juni 2020 lag die Erfolgsquote aktiver Manager in fast zwei Dritteln der befragten Kategorien unter 25 Prozent. Nur in zwei der 64 Kategorien überlebte und übertraf die Mehrheit der aktiven Fonds ihren durchschnittlichen passiven Peer.

Vielleicht sollte man es dann lieber als Anleger selber versuchen und seinem Bauchgefühl vertrauen?  Machen Sie das nicht, denn Sie werden im Ergebnis folgende Erfahrung machen:

Sie werden gestresst sein. Sie werden am Ende weniger Vermögen haben und im Ergebnis wird Ihre Lebensqualität darunter leiden.

Hinzu kommt, wenn sich Anleger im Market Timing versuchen, dann werden sie nicht ständig investiert sein. Verpassen sie aber nur wenige erfolgreiche Börsentage innerhalb einer langen Anlageperiode wird ihr Anlageergebnis empfindlich geschmälert.

Die nachfolgende Grafik zeigt, wie sich das Gesamtvermögen bei einer Anlagedauer von 1990-2019 entwickelt hat, wenn man bis zu 25 der besten Tage an der Börse verpasst hätte. Anlagebetrag von 100.000 $ für amerikanische Aktien (S&P 500).

Wenn also Market Timing nicht funktioniert, ist jeder Zeitpunkt so gut wie der nächste. Ob der Zeitpunkt gut oder schlecht war, zeigt sich erst im Nachhinein. Hierfür spricht, dass die Kapitalmärkte nicht zu prognostizieren sind und Bewegungen sehr konzentriert auftreten.

Somit bleibt als Handlungsempfehlung nur, das Vermögen entsprechend der persönlichen Risikoneigung zu investieren. Also ein Portfoliorisiko zu konstruieren, welches Anleger auch in schwierigen Marktphasen noch ruhig schlafen lässt.

Mit anderen Worten, das richtige Portfolio ist entscheidend und bestimmt über den Anlageerfolg und nicht der richtige Einstiegszeitpunkt. Anleger sollten sich von dem Gedanken lösen, etwas kontrollieren zu wollen, was sie nicht kontrollieren können. Sie sollten stattdessen ihre Energie lieber in die Zusammenstellung eines optimalen Portfolios stecken. Denn das können sie beeinflussen.

Für die, die immer noch unsicher sind, haben wir folgende Empfehlung:

Für diejenigen, die mit der vorgeschlagenen Einstiegsstrategie gar nicht zurechtkommen, können den Betrag, denn sie anlegen möchten, auf mehrere Zeitpunkte verteilen. Eine solche zeitliche Diversifikation, über mehrere Monate oder Jahre verteilt, hat das Ziel die Spitzen zu nivellieren, um einen attraktiven mittleren Kurs zu erhalten.

Diese Strategie bedeutet aber nicht nur, die Risiken fallender Kurse zu kompensieren, sondern kann ebenso bedeuten bei steigenden Kursen teurer einzukaufen. Zudem wird der Betrag, der noch nicht investiert worden ist, niedrig verzinst auf dem Konto liegen und meist entstehen auch noch zusätzliche Anlagekosten. Ob diese Strategie erfolgreicher ist, ist am Ende wiederum eine Frage des Zufalls. Und Zufall ist sicherlich keine erfolgreiche Strategie.

Ihr Finanzexperte

Das Bild zeigt Davor Horvat, Gründer & Vorstand der Honorarfinanz AG

Davor Horvat

Davor Horvat ist seit 1995 in der Finanzbranche tätig. Als staatlich zugelassener Honorar-Anlageberater konzentriert er sich auf ganzheitliche Finanz- und Liquiditätsplanung mit Fokus auf Exchange Traded Funds (ETFs). Davor Horvat ist Gründer und Vorstand der Honorarfinanz AG. Seine mehr als 25-jährige Erfahrung in der Finanzbranche gibt er in zahlreichen Publikationen und Interviews, aber auch in Seminaren an Anleger weiter.


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