ETF-Strategien im Härtetest: Direktanlage im Depot vs. Versicherungsmantel
Wer sich heute ernsthaft mit dem Vermögensaufbau beschäftigt, kommt am ETF (Exchange Traded Fund) nicht vorbei. Die Vorteile liegen auf der Hand: breite Diversifikation, minimale Produktkosten und maximale Transparenz. Doch sobald das Ziel „Altersvorsorge“ heißt, stehen Anleger vor einem Dilemma, das in Finanzblogs und YouTube-Kanälen oft emotional diskutiert wird: Ist das flexible ETF-Depot wirklich der Königsweg, oder lohnt sich der steuerliche Mantel einer Versicherung?
Die Antwort ist selten schwarz oder weiß. Während „Finfluencer“ oft pauschal gegen Versicherungslösungen wettern (zu Recht, wenn es um teure Provisionstarife geht), zeigt die mathematische Analyse ein differenziertes Bild. Für vermögende Privatanleger, Unternehmer und Besserverdiener ist nicht die pauschale Ablehnung von Versicherungslösungen der Schlüssel zum Erfolg, sondern die Selektion kosteneffizienter Nettotarife, die wie ein „Steuer-Upgrade“ für das ETF-Portfolio wirken.
In dieser Analyse verlassen wir die Ebene der Stammtischparolen und blicken auf die nackten Zahlen: Wie performen ETFs in den verschiedenen Schichten der deutschen Altersvorsorge im Vergleich zur Direktanlage?
Die Mathematik der Kosten: Wo der Versicherungsmantel gewinnt (und wo er verliert)
Das stärkste Argument gegen Versicherungslösungen sind traditionell die Kosten. Ein klassischer, provisionsbasierter Rürup- oder Rentenversicherungsvertrag kann durch Abschluss- und Verwaltungskosten die Rendite um bis zu 3 % pro Jahr schmälern. In einem solchen Szenario kann kein Steuervorteil der Welt die Kostenbremse kompensieren. Das Depot gewinnt hier immer.
Das Bild wandelt sich jedoch radikal, wenn wir Honorartarife (Netto-Policen) betrachten. Da Honorarfinanz-Berater keine Provisionen von Produktgebern erhalten, fallen die hohen Abschlusskosten weg.
Hier greift ein entscheidender Hebel:
- Klassische Police: Hohe Effektivkosten (oft > 2,0 % p.a.) fressen den Zinseszinseffekt.
- Netto-Police: Effektivkosten sinken oft auf unter 0,7 % p.a. (vergleichbar mit den Verwaltungskosten eines Depots plus minimaler Mantelgebühr).
Sobald die Kosten des Versicherungsmantels niedrig genug sind, beginnt der steuerliche Turbo zu wirken. Studien und Marktanalysen zeigen, dass eine kosteneffiziente ETF-Police nach Steuern eine Mehrrendite von ca. 0,2 % bis 0,5 % p.a. gegenüber einem versteuerten Depot erzielen kann – vorausgesetzt, der Anlagehorizont ist lang genug (meist ab 12 bis 15 Jahren).
Es geht also nicht um „Versicherung gegen Investment“, sondern um die Frage: Wie verpacke ich mein Investment am effizientesten?
Schicht 1: Die Rürup-Rente (Basisrente) mit ETFs
Für Selbstständige, Freiberufler und gut verdienende Angestellte ist die Basisrente oft der einzige Weg, signifikante Beiträge steuerlich geltend zu machen. Doch viele scheuen die Unflexibilität (kein Kapitalwahlrecht).
Der ETF-Turbo für die Basisrente
Moderne Rürup-Konzepte erlauben eine 100-prozentige Investition in ETFs ohne teure Garantien, die in der aktuellen Zinslandschaft nur Rendite kosten würden.
- Der Hebel: Die Beiträge sind als Sonderausgaben absetzbar (2024 zu 100 %). Das Finanzamt finanziert also einen Teil Ihres Vermögensaufbaus.
- Die Mathematik der Langlebigkeit: Kritiker bemängeln oft die Verrentungspflicht. Hier lohnt sich ein Blick auf die Statistik: 50 % der heute 30-Jährigen werden voraussichtlich über 90 Jahre alt. Das sogenannte „Langlebigkeitsrisiko“ wird unterschätzt. Eine Rürup-Rente zahlt lebenslang, egal wie alt Sie werden – ein „Versicherungs“-Aspekt, der im reinen Depot fehlt.
- Für wen lohnt es sich? Wer einen hohen Grenzsteuersatz hat und auf das Kapital vor Rentenbeginn definitiv nicht zugreifen muss, kann hier durch den Brutto-Investitionseffekt (Steuerrückerstattung wird reinvestiert) das Depot outperformen.
Schicht 2: Riester und bAV – Komplexe Fälle
Riester mit ETFs: Ein schwieriges Feld
Die Riester-Rente leidet unter der gesetzlichen Beitragsgarantie. Das bedeutet, dass Anbieter das Kapital oft nicht zu 100 % in Aktien-ETFs investieren dürfen, sondern in sichere (und damit renditeschwache) Anlagen umschichten müssen, um die Garantie zu sichern.
- Fazit: Für Gutverdiener ist Riester oft zu bürokratisch und in der Anlagesumme zu begrenzt (2.100 € p.a. förderfähig). Hier warten Marktbeobachter gespannt auf Reformen (Stichwort: Altersvorsorgedepot), die den Garantiezwan lockern könnten.
Betriebliche Altersvorsorge (bAV)
Hier entscheidet fast ausschließlich der Arbeitgeberzuschuss. Eine bAV mit ETFs lohnt sich meist nur, wenn der Arbeitgeber mehr als die gesetzlichen 15 % zuschießt (Faustformel: ab 20 % Zuschuss wird es interessant). Ohne signifikanten Zuschuss fressen die nachgelagerte Versteuerung und die vollen Krankenversicherungsbeiträge (für gesetzlich Versicherte) im Rentenalter die Rendite auf.
Schicht 3: Die Private Rentenversicherung vs. ETF-Depot
Hier findet der eigentliche „Showdown“ für die meisten Anleger statt. Beide Varianten sind flexibel, doch die steuerliche Behandlung unterscheidet sich massiv.
Das 12/62-Privileg (Halbeinkünfteverfahren)
Während im Depot Erträge (Dividenden und Kursgewinne) laufend oder spätestens beim Verkauf mit der Abgeltungsteuer (plus Soli/Kirchensteuer) belastet werden, bietet die private Rentenversicherung im Versicherungsmantel zwei Vorteile:
- Steuerstundungseffekt: Innerhalb der Police fallen während der Ansparphase keine Steuern auf Erträge oder Umschichtungen (Rebalancing) an. Der Zinseszins wirkt auf den Bruttobetrag.
- Halbeinkünfteverfahren: Bei einer Auszahlung nach dem 62. Lebensjahr und min. 12 Jahren Laufzeit muss nur die Hälfte des Ertrags mit dem persönlichen Steuersatz versteuert werden. Oft liegt die reale Steuerbelastung dadurch weit unter den 26,375 % Abgeltungsteuer.
Wann schlägt die Police das Depot?
Es ist ein Rechenexempel zwischen Fondskosten und Steuervorteil.
- Ist die Police teuer (Provisionstarif > 1,5 % Kosten p.a.), gewinnt fast immer das Depot.
- Ist die Police günstig (Nettotarif < 0,8 % Kosten p.a.), gewinnt die Police meist ab einer Laufzeit von ca. 12–15 Jahren.
Das psychologische Element: Entnahmestrategien und Sicherheit
Ein oft übersehener Aspekt beim Vergleich „ETF-Sparplan vs. Versicherung“ ist die Psychologie der Entnahmephase.
Wer sein Alterseinkommen rein aus einem Depot bestreitet, trägt das Reihenfolgerisiko (Sequence of Returns Risk). Passiert ein Börsencrash genau zu Beginn der Rente, kann das Depot schneller leerlaufen als geplant. Anleger müssen dann oft ihre Entnahmen kürzen, um nicht vorzeitig ohne Geld dazustehen.
Eine fondsgebundene Rentenversicherung bietet hier eine Option zur Verrentung. Der Versicherer garantiert eine lebenslange Zahlung, basierend auf dem Rentenfaktor. Auch wenn dieser Faktor oft kritisiert wird (aktuell ca. 25–30 € pro 10.000 € Kapital): Er ist eine Versicherung gegen das Risiko, „zu lange“ zu leben. Viele Honorarberater empfehlen daher Hybride Modelle: Eine Basis-Absicherung über lebenslange Rentenzahlungen (Versicherungsmantel) und einen flexiblen Topf für Konsum und Reisen (freies Depot).
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur ETF-Vorsorge
Kann ich meine bestehende, teure Versicherung in eine Netto-Police umwandeln?
Eine direkte Umwandlung beim selben Anbieter ist oft schwierig. In vielen Fällen ist eine „Beitragsfreistellung“ des alten Vertrags und ein Neuabschluss eines Honorartarifs wirtschaftlich sinnvoller. Ein unabhängiger Honorarberater kann dies mathematisch genau prüfen (Widerruf vs. Kündigung vs. Freistellung).
Lohnt sich ein Versicherungsmantel auch für kleine Sparraten?
Bei sehr kleinen Sparraten (z.B. 50 €) fallen oft Stückkosten der Police (z.B. jährliche Fixgebühren) stärker ins Gewicht. Hier ist ein kostenloses Depot oft der bessere Start. Netto-Policen spielen ihre Stärken meist bei Sparraten ab 100–200 € monatlich oder bei Einmalanlagen aus.
Was passiert mit meiner ETF-Police, wenn der Versicherer pleite geht?
Das in ETFs investierte Geld ist – genau wie im Depot – Sondervermögen. Es gehört nicht zur Insolvenzmasse des Versicherers, sondern ist für Sie geschützt. Zusätzlich greift bei deutschen Lebensversicherern der Sicherungsfonds „Protektor“.
Sind ETFs im Versicherungsmantel teurer als im Depot?
Die Fondskosten (TER) der ETFs sind identisch. Allerdings berechnet der Versicherer Verwaltungskosten für den Mantel. In modernen Honorartarifen sind diese jedoch minimal und werden durch die Steuervorteile (keine Vorabpauschale, Steuerstundung) oft überkompensiert.
Fazit: Dogmen helfen nicht, Rechnen schon
Die Entscheidung für oder gegen eine ETF-Versicherung sollte nicht auf Bauchgefühl basieren, sondern auf einer individuellen Kalkulation Ihrer Steuersituation, Ihres Anlagehorizonts und Ihres Sicherheitsbedürfnisses.
Die Honorarfinanz AG steht für genau diese Transparenz: Wir verkaufen keine Produkte, wir entwickeln Strategien. Als eines der wenigen BaFin-lizenzierten Institute für unabhängige Honorar-Anlageberatung können wir Ihnen den Zugang zu kosteneffizienten Netto-Tarifen öffnen, die Provisionsvermittlern oft verschlossen bleiben.
Der modernste Weg der Altersvorsorge ist oft kein „Entweder-oder“, sondern eine intelligente Kombination aus liquidem ETF-Depot und steueroptimiertem Versicherungsmantel.
Davor HorvatDavor Horvat ist seit 1995 in der Finanzbranche tätig. Als staatlich zugelassener Honorar-Anlageberater konzentriert er sich auf ganzheitliche Finanz- und Liquiditätsplanung mit Fokus auf Exchange Traded Funds (ETFs). Davor Horvat ist Gründer und Vorstand der Honorarfinanz AG. Seine mehr als 25-jährige Erfahrung in der Finanzbranche gibt er in zahlreichen Publikationen und Interviews, aber auch in Seminaren an Anleger weiter.



