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Wer als Privatanleger in ETFs investiert, macht viel richtig – wenn er einer gefährlichen Versuchung widersteht.

Exchange Traded Funds (ETFs) sind ein herrlich bequemes Anlageinstrument. Der Anleger kauft und lehnt sich zurück: Lass die Märkte mal machen, ich bleibe passiv im Hintergrund. Mit dieser Strategie fahren die rund vier Prozent der Deutschen, die in ETFs investiert sind, in großer Mehrheit besser, als die Heerscharen von Fondsmanagern, die tagtäglich mit dem Versuch in Aktion sind, die scheinbar aussichtsreichsten Aktien zu kaufen und bei ihrem vermeintlichen Höchstkurs zu verkaufen.

Passive, von keinerlei Interessen geleitete ETFs, die ohne jedes Zutun einfach nur die verschiedenen Indizes nachbilden, schlagen in der Regel die Performance aktiv gemanagter Fonds mehr oder minder locker. Auf längere Sicht allemal. So weit die Regel. Wenn da nicht der unberechenbare Anleger immer dazwischenfunken würde.

Wer die einschlägigen Chatforen von Anlegern verfolgt, wird schnell feststellen: Gerade die sogenannten Millenials, die jüngeren Anleger (aber nicht nur die), meinen oft, noch schlauer als die Fondsmanager und die Märkte sein zu können. Sie haben sich ein kostengünstiges ETF-Portfolio zusammengestellt; aber anstatt dann geduldig abzuwarten, fangen sie an, mit ihren ETFs zu handeln, zu traden. Damit machen sie aus einem passiven Anlageinstrument ein aktiv gemanagtes, sie führen die eigentliche ETF-Idee ad absurdum.

Erschreckende Resultate

Einer Studie der Leibniz-Universität Hannover zufolge kauft oder verkauft der deutsche ETF-Anleger zweimal im Monat. Mit äußerst dürftigem Erfolg. Die drei deutschen Finanzprofessoren und ein Hongkonger Kollege werteten dafür in einer dreijährigen Arbeit die Originaldepots von fast 8000 Anlegern einer großen deutschen Online-Bank aus. Von ETF-Anlegern, die ihre Kauf- und Verkaufsentscheidungen selbst treffen, sogenannte „Selbstentscheider“. Die Professoren untersuchten den Zeitraum von 2005 bis 2010. Neuere Daten waren für sie nicht verfügbar. Es besteht aber kein Grund zu der Annahme, dass das Ergebnis mit aktuelleren Werten anders ausfiele. Das erschreckende Resultat: Mit ihren Indexfonds verbuchten die Anleger Verluste in Höhe von minus 0,55 Prozent im Jahr, während normale Mischdepots in diesem Zeitraum durchschnittlich um 2,74 Prozent zulegten. Reine breit gestreute ETF-Portfolios, die einfach nur ruhten, schafften in dieser Zeit sogar zwischen 3,5 und 4,4 Prozent im Jahr.

Der Grund für das schlechte Abschneiden: Obwohl Indexfonds am besten langfristig eingesetzt werden, versuchen Anleger, richtige Zeitpunkte zum Ein- und Aussteigen zu finden – Market-Timing. Mit dieser Strategie präsentieren sogar die gleichwohl erfahrenen Fondsmanager zumeist unterdurchschnittliche Ergebnisse. Warum aber ausgerechnet Privatanleger meinen, den typischerweise erfolgreichen langen Anlagehorizont eines ETF auf manchmal nur wenige Monate zu verkürzen, um damit besser zu reüssieren, erschließt sich nicht. Zumal sie damit nur Handelsgebühren verursachen.

Ein weiterer und entscheidender Fehler ist die Auswahl der ETFs. Bevorzugte Handelsobjekte sind scheinbar Erfolg versprechende ETFs auf kleine Indizes, die Spezialthemen abdecken; beispielsweise Smart-Beta-ETFs, die das Ziel haben, den Markt (regelbasiert) zu schlagen, oder komplizierte Multi-Factor-ETFs. Diese ETFs aber bergen höhere Verlustrisiken, weil sie nur wenige Aktien umfassen und nicht verschiedene Branchen und Länder mischen.

Des Weiteren braucht ein ETF eine gewisse Größe, um von der Kapitalanlagegesellschaft wirtschaftlich betrieben werden zu können. Diese Untergrenze liegt bei mindestens 50 Millionen Euro oder US-Dollar Fondsvolumen. Bei „Geheimtipps“ aber, den angeblichen „kleinen Perlen“, sind die Handelskosten an der Börse auf Grund der geringen Nachfrage viel zu hoch, was enorm Rendite kosten kann.

Drei Prozent mehr Nettorendite

Die „Selbstentscheider“ unter den ETF-Anlegern legen noch eine weitere Grundregel beiseite. Sie missachten mit ihrem „ETF-Picking“ die Vorzüge der Risikostreuung. „Home Bias“ ist ein Phänomen, das weltweit zu beobachten ist, ein riskantes obendrein. Überall auf der Welt neigen Anleger dazu, bevorzugt in die heimischen Aktien zu investieren. Aus wissenschaftlicher Sicht würde ein Anteil von zwei bis vier Prozent völlig ausreichen, um den deutschen Aktienmarkt hinlänglich abzudecken. Da niemand weiß, welcher Markt zu den Gewinnern zählen wird, setze man einfach auf den gesamten Weltmarkt.

ETFs sind ein optimales Instrument für langfristiges Investieren. Empfehlung: mindestens zehn Jahre Anlagehorizont. Doch auf dieser langen Zeitreise fällt es vielen schwer, einer einmal als passend identifizierten Strategie treu zu bleiben. Manche Anleger sehen in ETFs vor allem ein Instrument, um selbst Fondsmanager zu spielen. ETFs und Zocker, da prallen zwei völlig unterschiedliche Welten aufeinander

Mit ruhiger Hand aber können ETF-Anleger herausragende Ergebnisse erzielen und die Mehrheit der anderen Investoren in den Schatten stellen. Doch wie im Spitzensport wird man das wahrscheinlich nur mit einem Spitzentrainer an der Seite erreichen. Eine Studie der US Investmentgesellschaft Vanguard (Pionier der Indexfonds) hat gezeigt, dass Anleger mit der Begleitung durch einen unabhängigen Berater besser fahren. Die Vanguard-Analysten konnten nachweisen, dass durch die sorgfältige und auf das Risikoprofil abgestimmte Auswahl der richtigen ETFs und eine ausreichende Diversifizierung ohne Market-Timing betreute Anleger durchschnittlich drei Prozent mehr
Nettorendite pro Jahr erzielen als diejenigen im Alleingang. Im Ergebnis kostet diese Begleitung im Schnitt rund ein Prozent auf das Anlagevermögen im Jahr – weit weniger als der systematisch falsche Umgang mit ETFs an Verlusten produziert.

Aktives Handeln innerhalb eines ETF-Portfolios verletzt also so ziemlich jede Grundregel im Umgang mit ETFs: Aus einem passiven Instrument wird ein aktives, aus einem ursprünglich langfristig ausgerichteten Anlagehorizont wird ein kurzfristiger, aus einer Risikostreuung wird ein riskantes Investment in Einzelwerte, aus Erfolg versprechenden „Geheimtipps“ werden „Renditefresser“. Die negativen Ergebnisse dieses Handelns sollten Anlegern eine Lehre sein.

von Davor Horvat
© Dezember 2019 ETF Magazin

Das Bild zeigt Davor Horvat, Gründer & Vorstand der Honorarfinanz AG

Davor Horvat

Davor Horvat ist seit 1995 in der Finanzbranche tätig. Als staatlich zugelassener Honorar-Anlageberater konzentriert er sich auf ganzheitliche Finanz- und Liquiditätsplanung mit Fokus auf Exchange Traded Funds (ETFs). Davor Horvat ist Gründer und Vorstand der Honorarfinanz AG. Seine mehr als 25-jährige Erfahrung in der Finanzbranche gibt er in zahlreichen Publikationen und Interviews, aber auch in Seminaren an Anleger weiter.


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